5-NACH-12 | FINANCE INSOLVENZREPORT: Einbruch um ein Drittel
Das erste Quartal 2026 beginnt mit einer Delle im Insolvenzgeschehen.
94 Insolvenzanträge von Unternehmen ab zehn Millionen Euro Umsatz. Das ist die Bilanz des ersten Quartals 2026. Statistisch klingt das nach Aufatmen: Die Fallzahl liegt 35 Prozent unter dem Vorquartal und 24 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum, so der Insolvenzreport von Falkensteg. Doch die Zahlen täuschen. Der langfristige Fünf-Jahres-Durchschnitt liegt bei 67 Fällen und selbst das scheinbar entspannte erste Quartal übertrifft diesen Wert noch um 40 Prozent.
„Das vierte Quartal 2025 war ein Ausnahmerekord und auch der Q1-Stand liegt historisch auf einem besorgniserregenden Niveau. Ein Freifahrtschein ist das nicht", ordnet Falkensteg-Partner und Studienautor Jonas Eckhardt die Zahlen ein. Dass es sich um keine Erholung handelt, verdeutlicht der Gesamtmarkt: Über alle Umsatzklassen hinweg stiegen die Insolvenzen, getrieben von der Masse kleiner und mittlerer Unternehmen, im ersten Quartal 2026 (5.594 Insolvenzen) gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7,2 Prozent (5.191 Insolvenzen). Die Unternehmensinsolvenzen nähern sich neuen Höchstständen, während sich Großinsolvenzen in diesem Quartal entkoppeln konnten.
Hinter dem Quartalstief steckt zudem eine bekannte Mechanik: Im Rekordquartal Q4/2025 mit 144 Anträgen hatten viele akut antragspflichtige Unternehmen den Schritt in die Insolvenz bereits vollzogen. Jahresabschlussverhandlungen, auslaufende Kreditlinien und gescheiterte Sanierungsgespräche häufen sich regelmäßig zum Jahresabschluss und münden in einer Antragswelle, auf die ein ruhigerer Jahresbeginn folgt. „Wir sehen diesen Sägezahnverlauf zum Jahresbeginn seit Jahren. Entscheidend ist: Der strukturelle Druck auf deutsche Unternehmen ist ungebrochen, die Kurve geht weiter nach oben ", stellt Eckhardt klar.
Delle, keine Trendwende
Alle Umsatzklassen verzeichnen einen Einbruch, der das bekannte Muster widerspiegelt. In der kleinsten Umsatzklasse von 10 bis 19 Millionen Euro wurden 46 Fälle (Vorquartal 60) gezählt. Im mittleren Bereich zwischen 20 und 49 Millionen Euro folgten 27 Fälle (45). Die oberen Klassen verzeichneten elf Fälle (24; 50 bis 99 Millionen Euro) und zehn Fälle (15) über 100 Millionen Euro. Dass gerade die großen Umsatzklassen auf vergleichsweise hohem Niveau verharren, macht deutlich: Die Krise hat sich längst in den Kern des deutschen Mittelstands gefressen. „Die Zahlen zeigen keine Normalisierung, sondern eine Pause zwischen zwei Wellen", kommentiert Eckhardt.
Branchenvergleich: Der Stress im Maschinenraum
Der Branchenvergleich zeichnet ein differenziertes Bild. Metallwarenhersteller führen die Rangliste mit zehn Fällen an. Sie verzeichnen deutlich weniger Fälle als im Vorquartal (20 Insolvenzen) und dem Vorjahreszeitraum (15), sind aber strukturell unter Dauerdruck. Der Rückgang im Automotive-Bereich fällt besonders auf. Nur noch acht Fälle stehen 16 Fällen im Vorjahresquartal gegenüber. Ähnliches gilt für Elektrotechnik (sechs gegenüber 16) und Kunststoff (drei gegenüber elf). Gegen den Trend halten sich Logistik (sieben Fälle, stabil) und Maschinenbau (neun Fälle).
Eckhardt sieht darin keine Aufhellung: „Besonders im industriellen Mittelstand in den Branchen Metallwaren, Automotive-Zulieferer und Elektrotechnik erleben wir keine Normalisierung, sondern eine Verschnaufpause inmitten eines strukturellen Umbaus, dessen Ende noch nicht absehbar ist." Die Breite der betroffenen Sektoren unterstreiche zudem, Insolvenzen sind kein sektorales Phänomen, sie verlaufen quer durch die deutsche Unternehmenslandschaft.
Insolvenzlösungen: Weniger Ausgänge, härtere Ergebnisse
Auch auf der Ausgangsseite hinterlässt das Jahresauftaktquartal deutliche Bremsspuren. Mit insgesamt 67 abgeschlossenen Verfahren liegt die Zahl 26 Prozent unter dem Vorquartal (88 Fälle) und unter dem Vorjahreszeitraum (87 Fälle). Die Schere zwischen hoher Antragsdynamik der Vorquartale und nachlassender Ausgangskraft bleibt das prägende Merkmal des Marktes. Die Verfahren stauen sich auf, während die Lösungskapazität nicht mitgewachsen ist.
Von den 67 Ausgängen entfielen 29 auf Asset Deals, die tragenden Pfeiler der Sanierung innerhalb der Insolvenz. Nach 37 Fällen im Vorquartal und 42 im Vorjahreszeitraum setzt sich der rückläufige Trend mit beschleunigtem Tempo fort. Insolvenzplanverfahren blieben mit neun Fällen auf Vorjahresniveau, fallen aber quantitativ kaum ins Gewicht. Fast die Hälfte aller Ausgänge (29 Fälle) endete mit negativen Lösungen, d.h. Betriebsschließung oder Masseunzulänglichkeit. „Investoren sind angesichts geopolitischer Unsicherheit und trüber Konjunkturaussichten deutlich zurückhaltender geworden", erklärt Eckhardt. „Mehr insolvente Unternehmen enden in der Schließung. Dadurch gehen Arbeitsplätze und Substanz unwiederbringlich verloren. Das ist ein strukturelles und kein konjunkturelles Warnsignal."
Die Rettungsquote für Verfahren aus dem Jahr 2024 beträgt zu Ende März 47,1 Prozent. Das ist spürbar über dem Vorquartalswert von 43,9 Prozent. Für das Antragsjahr 2025 liegt sie bei 26,0 Prozent, nach 15,4 Prozent im Vorquartal. Diese Anstiege sind allein auf den fortschreitenden Verfahrensabschluss zurückzuführen und erlaubt noch keine belastbare Aussage zur endgültigen Sanierungsquote.
Prof. Dr. Michael Grömling – Stagnationskette seit 2019
Ein düsteres Bild der deutschen Wirtschaft zeichnet Prof. Dr. Michael Grömling, Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomie am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, im Insolvenzreport. „Erschreckend" sei das Bild der Industrie: Nur gut 14 Prozent der Unternehmen berichten von einer besseren Geschäftslage als vor einem Jahr, knapp 43 Prozent von einer Verschlechterung. Deutschland befinde sich in der längsten Phase negativer Unternehmenserwartungen seit zwanzig Jahren. Das Jahr 2026 werde ein weiteres Glied in einer seit 2019 anhaltenden Stagnationskette.
Als zentrale Belastungsfaktoren benennt Grömling gestiegene Öl- und Gaspreise, die den Konsum belasten, erneut drohende Lieferkettenunterbrechungen über die Straße von Hormus, die energieintensive Industrien treffen, sowie die konfrontative US-Handelspolitik als Dauerlast für ein ohnehin geschwächtes industriebasiertes Wirtschaftsmodell. Das eigentliche Kernproblem liege jedoch in der fortlaufenden Investitionszurückhaltung, so Prof. Grömling: „Über alle Branchen hinweg rechnen 42 Prozent mit niedrigeren und nur jeder fünfte mit höheren Investitionsbudgets. Wir verlängern ein Potenzialproblem in die Zukunft – besonders gefährlich für eine alternde Volkswirtschaft."