WiWo: Strukturkrise im Maschinenbau hält Insolvenzdruck hoch
Metallwarenhersteller führen 2025 erstmals die Statistik der Großinsolvenzen an – Rückgang der Fälle im ersten Quartal 2026 ist laut Falkensteg nur eine kurze Atempause.
Die Transformationsberatung Falkensteg sieht den deutschen Maschinenbau und die Metallwarenhersteller nach einem außergewöhnlich belasteten Jahr 2025 auch 2026 in einer anhaltenden Strukturkrise. Grundlage ist eine aktuelle Auswertung von Falkensteg zu den Großinsolvenzen in beiden Branchen. Dabei führten die Metallwarenhersteller 2025 erstmals die Branchenstatistik der Großinsolvenzen an, mit 67 Fällen und einem Anstieg um etwa 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Danach folgen weitere industrielle Kernbranchen wie Automotive (59 Fälle) und der Maschinenbau (38 Fälle).
Insolvenzen 2025: Metall vorn, Maschinenbau im Stress
„Der deutsche Maschinenbau und die Metallverarbeiter befinden sich nicht in einer kurzfristigen Delle, sondern in einem Fieberzustand, der die strukturellen Schwächen des Standorts schonungslos offenlegt“, sagt Sebastian Wilde, Partner bei Falkensteg. „2025 war für viele Unternehmen der Moment, in dem höhere Finanzierungskosten, anhaltend schwache Nachfrage und verschleppte Transformationsaufgaben gleichzeitig durchgeschlagen sind.“
Im Maschinenbau liegt das Insolvenzgeschehen mit einem Plus von zehn Insolvenzen deutlich über dem fünfjährigen Mittel. Rückläufige Auftragseingänge, schwache Auslastung und eine hohe Fixkostenbasis haben 2025 zu einer spürbaren Zunahme von Krisenfällen geführt. „Wenn Metallverarbeiter und Maschinenbauer die Großinsolvenzen dominieren, ist das ein klares Signal, dass die Industrieachse des Standorts Deutschland ins Trudeln geraten ist“, so Wilde.
Ursachen: Schwache Nachfrage und strukturelle Lasten
Die Ursachen sind vielschichtig. Konjunkturell leidet der Maschinenbau seit 2023 unter einer schwachen Investitionsgüternachfrage, stagnierender Produktion und gedämpften Umsatzprognosen. 2025 ging die reale Produktion im Maschinenbau spürbar zurück, für 2026 wird lediglich ein niedriger einstelliger Zuwachs erwartet – eine Stabilisierung ohne kräftige Erholung.
Gleichzeitig hat sich der Kostenstress strukturell verfestigt. Hohe Energiepreise, gestiegene Zinsen, anziehende Tariflöhne und erhöhte Rohstoffpreise treffen insbesondere energie- und materialintensive Metallverarbeiter sowie mittelständische Maschinenbauer. Viele Unternehmen verfügen über begrenzte Preissetzungsmacht und können die Belastungen nicht vollständig weitergeben.
Hinzu kommen Fachkräftemangel, Bürokratie, lange Genehmigungswege und Investitionszurückhaltung, die Modernisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung ausbremsen. Besonders stark wirkt die enge Verzahnung mit der Automobilindustrie: Der Umbau zu E-Mobilität, Kostendruck der OEMs und Verlagerung von Kapazitäten schlagen unmittelbar auf Maschinenbauer und Metallwarenhersteller durch.
Parallel dazu verschärfen globale Wettbewerbsintensität und geopolitische Unsicherheiten den Anpassungsdruck. Handelskonflikte, fragmentierte Märkte, Sicherheitsagenda und Lieferkettenrisiken erzwingen redundantere Strukturen und höhere Compliance-Kosten. „Wir sehen eine gefährliche Kombination aus steigenden Anforderungen und zu niedriger Anpassungsgeschwindigkeit“, sagt Wilde. „Geschäftsmodelle müssen konsequent auf Profitabilität, Internationalität und Resilienz ausgerichtet werden, sonst werden Unternehmen vom Strukturwandel überrollt.“
Q1/2026: Rückgang ohne Trendwende
Zu Jahresbeginn 2026 zeigen die von Falkensteg ausgewerteten Quartalsdaten ein gemischtes Bild. Im Maschinenbau ging die Zahl der Großinsolvenzen von zehn Fällen im vierten Quartal 2025 auf sieben Fälle im ersten Quartal 2026 zurück. Bei den Metallwarenherstellern sank sie im gleichen Zeitraum von 20 auf neun Fälle.
Falkensteg warnt jedoch vor einer Fehldeutung. „Das Minus im ersten Quartal ist keine echte Entwarnung, sondern eine kurze Atempause nach einem extrem belasteten Jahr“, sagt Transformationsexperte Wilde. Die leichte Entspannung erklärt sich aus Sondereffekten – etwa aus aufgearbeiteten Restrukturierungsstaus und einzelnen Finanzierungsverlängerungen – nicht aus einer grundlegenden Trendwende. Die strukturelle Krise und die geopolitischen Risiken bleiben Anfang 2026 unverändert wirksam und können sich angesichts der globalen Unsicherheit sogar weiter verschärfen.
Ausblick 2026: Transformationswettlauf statt Insolvenz-Stopp
Für 2026 rechnet der Falkensteg-Partner vor dem Hintergrund der aktuellen Prognosen nur mit einer verhaltenen Erholung. Das ifo Institut und Branchenanalysen gehen von einem moderaten Wachstum der deutschen Wirtschaft aus; für den Maschinenbau wird eher eine Seitwärtsbewegung als ein Aufschwung erwartet.
International zeichnen sich zwar leichte Wachstumsimpulse ab, unter anderem aus einzelnen außereuropäischen Märkten und Investitionen in Energie- und Defencetechnologien, doch bleiben EU und Deutschland schwach. Maschinenbau und Metallverarbeitung geraten damit in einen Transformationswettlauf: Automatisierung, Digitalisierung, KI-Einsatz, klimaneutrale Wertschöpfung und neue serviceorientierte Geschäftsmodelle werden zu zentralen Überlebensbedingungen.
Ein breiter „Insolvenz-Stopp“ ist aus Sicht von Wilde nicht zu erwarten. Die Insolvenzzahlen dürfte 2026 erhöht bleiben, insbesondere für schwach kapitalisierte, strategisch unklare oder in der Transformation zu langsame Unternehmen. „Die derzeitige Ruhe in den Statistiken ist trügerisch“, warnt Wilde. „Die kommenden Monate entscheiden darüber, ob Unternehmen ihre Krisenanfälligkeit aktiv reduzieren oder als Nachzügler in die nächste Welle von Restrukturierungen und Insolvenzen geraten.“