WiWo: Strukturwandel unter Hochspannung: Warum in Baden-Württemberg die Großpleiten zunehmen
Wirtschaftspolitik ist das zentrale Thema im Landtagswahlkampf und es gibt besondere Herausforderungen.
Die Zahl der Großinsolvenzen in Baden-Württemberg ist 2025 leicht von 66 auf 67 Fälle gestiegen. Jedoch explodierten die Insolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz größer 10 Mio. Euro im Jahr zuvor bereits um 40 Prozent. Seit Beginn der laufenden Legislaturperiode im Jahr 2021 hat sich die Zahl der Fälle sogar mehr als verdreifacht. Das zeigt eine aktuelle Insolvenzanalyse der Transformationsberatung Falkensteg.
„Hinter den nüchternen Zahlen steckt ein tiefgreifender Strukturwandel, der das industrielle Rückgrat im Südwesten Deutschlands massiv fordert – mit spürbaren Folgen für Beschäftigung und Investitionen“, sagt Jonas Eckhardt, Partner bei Falkensteg und Autor der Analyse. „Viele Unternehmen kämpfen mit einer doppelten Transformation: Sie müssen gleichzeitig auf neue Technologien umstellen und steigende Kosten schultern.“
Als Autoland ist das Umfeld des Fahrzeugbaus stark betroffen. Im vergangenen Jahr entfielen allein 14 Fälle auf Automobilzulieferer, weitere 13 auf Hersteller von Metallwaren sowie jeweils elf auf Maschinenbau- und Elektrotechnikfirmen. Damit ist fast jede zweite Großinsolvenz im Ländle diesem industriellen Kernsektor zuzuordnen.
Im Bundesvergleich rangiert Baden-Württemberg mit einem Anteil von rund 14 Prozent aller 481 Großinsolvenzen auf Platz drei hinter Nordrhein-Westfalen (124 Fälle) und Bayern (75). Besonders häufig nennen Unternehmer hohe Energie- und Arbeitskosten, überbordende Bürokratie und geopolitische Unsicherheiten als Gründe für die wirtschaftliche Schieflage. „Das industrielle Geschäftsmodell des Landes ist stark auf Export und Energieeffizienz angewiesen. Kommen diese Pfeiler in Wanken, spürt man die Erschütterung bis in die Werkhallen kleiner Zulieferer“, kommentiert Eckhardt.
Kosten, Finanzierung, Transformation
Mehrere strukturelle Faktoren verstärken den Druck: Der Zinsanstieg der jüngeren Vergangenheit erschwert Refinanzierungen und dämpft Investitionen. Gleichzeitig lasten hohe Standortkosten auf margenschwachen Branchen. Besonders in der Autozulieferindustrie verschärft die Umstellung auf Elektromobilität den Spagat zwischen Zukunftsinvestitionen und schrumpfender Profitabilität.
„Viele Zulieferer stehen vor der Aufgabe, ihre Produktpalette und Kundenbasis zu diversifizieren, scheitern aber an fehlendem Kapital, Zeitdruck oder begrenzter Marktmacht“, sagt Eckhardt. „Zudem stoßen sie auf restriktive Banken und eine tiefe Verunsicherung über den künftigen Marktrhythmus.“ Finanzierungen werden teurer, und Investitionen in Transformation oder den Maschinenpark werden verschoben, was die Wettbewerbsposition im internationalen Vergleich weiter schwächt.
Der Standort Baden-Württemberg steht damit exemplarisch für die deutsche Volkswirtschaft: Er verfügt über hohe industrielle Substanz und Innovationskraft, ringt aber mit den hohen Standortkosten und Zumutungen des Übergangs in eine klimaneutrale, digitalisierte Wirtschaft.
Zähe Erholung, hohe Risiken
Die Vorzeichen für 2026 deuten auf eine langsame, störungsanfällige Erholung hin. Viele Unternehmer rechnen nur mit einer zähen Seitwärtsbewegung, in der jedes Prozent Wachstum hart erarbeitet werden muss. Motor der Stabilisierung dürften jene Branchen sein, die von Investitionen in Transformation, Infrastruktur und Digitalisierung profitieren.
Restrukturierungsexperte Jonas Eckhardt erwartet für die kommenden Monate keine dramatische Zuspitzung, aber auch keine rasche Entwarnung. „Die Gesamtzahl der Insolvenzen dürfte sich leicht über dem derzeit hohen Niveau stabilisieren. Die Lage bleibt fragil, solange die Rahmenbedingungen im Arbeitsrecht oder bei der Bürokratie nur zögerlich reformiert werden und Entlastungen bei Energie und Finanzierung kaum spürbar werden.“