Die zweite Chance schwindet

Die Rettungsquote bei Insolvenzen hat sich in fünf Jahren fast halbiert. Gerettet wird, wenn ein Unternehmen auf den Erwerber zugeschnitten ist.

Immer weniger größere insolvente Unternehmen finden über einen Insolvenzplan oder durch einen Verkauf an einen Investor den Weg zurück in den Markt. Nach einer Analyse der Transformationsberatung Falkensteg ist die sogenannte Rettungsquote in den vergangenen fünf Jahren deutlich gefallen. Sie sank von 57,0 Prozent im Antragsjahr 2020 auf 32,1 Prozent im Jahr 2025. Berücksichtigt wurden Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz.

„Die Überlebenschance eines insolventen Unternehmens ist auf einen Tiefstand gefallen und hat sich innerhalb von fünf Jahren halbiert. Eine Insolvenz ist heute deutlich häufiger das Ende als ein Neuanfang“, sagt Jonas Eckhardt, Partner bei Falkensteg und Autor der Analyse.

Als wichtigste Ursache sieht der Restrukturierungsexperte weniger die schwache Konjunktur als den fortschreitenden Strukturwandel. Zudem erreichten immer mehr Unternehmen das Insolvenzverfahren nicht mit einem vorübergehend belasteten, sondern mit einem in weiten Teilen fehlenden Geschäftsmodell. Das betreffe etwa Zulieferer der Verbrennertechnik oder den klassischen Handel. „Wo das Geschäftsmodell überholt ist, endet das Verfahren zwangsläufig häufiger in der Schließung als im Erhalt“, sagt Eckhardt. Schließlich übernähmen auch risikobereite Käufer keine Kapazitäten, die strukturell nicht mehr gebraucht würden.

Logistik und Maschinenbau vorn, Autohandel mit roter Laterne
Die Unterschiede zwischen den Branchen sind erheblich. Die Logistikbranche weist mit 42,1 Prozent die höchste Rettungsquote auf. Transportunternehmen sind für Käufer attraktiv, denn Investoren erhalten Zugriff auf knappe operative Ressourcen wie Fahrer, Disponenten, Fachpersonal, Fuhrpark, Standorte und Kundenbeziehungen. Es folgt der Maschinenbau mit 41,0 Prozent. Dort machen Patente, moderne Maschinenparks, eingespielte Kundenbeziehungen und spezialisierte Belegschaften Unternehmen für Erwerber weiterhin interessant.

Am anderen Ende der Rangliste steht der Autohandel mit einer Rettungsquote von nur 6,1 Prozent. Auch Metallwarenhersteller mit 29,9 Prozent und Elektrotechnikunternehmen mit 27,6 Prozent liegen deutlich unter dem Durchschnitt.

Vom Verwalter zum Sanierungsmanager
Die Kombination aus sinkenden Quoten und längeren Verfahren, die durchschnittliche Verfahrensdauer stieg von 151 Tagen (2018) auf 200 Tage im Jahr 2025, verändert nach Einschätzung des Transformationsexperten das Berufsbild von Insolvenzverwaltern grundlegend. Die bloße Verwaltung eines Verfahrens reiche nicht mehr aus; gefragt sei ein aktives, operatives Eingreifen in das Geschäftsmodell, die Kostenstruktur und die Kapazitäten während des laufenden Sanierungsprozesses.
Bisher seien solche Einschnitte oft erst nach dem Verkauf durch den Erwerber vorgenommen worden. Doch die Investorenbereitschaft im Markt für Übernahmen notleidender Unternehmen habe in den vergangenen zwei Jahren spürbar nachgelassen. Steigende Finanzierungskosten, geopolitische Unsicherheiten und schwächere Marktaussichten hätten die Hürden für Transaktionen erhöht. „Der Verwalter muss das Unternehmen aktiv auf einen Erwerber zuschneiden, nicht verwertbare Teile abtrennen und dann den überlebensfähigen Kern verkaufen“, sagt Eckhardt. Spätere Nachschärfungen seien im normalen Wettbewerb für Investoren oft kaum noch möglich oder zu teuer.

Rückgang bei den Großen – Anstieg in der Breite
Der Handlungsdruck in den Verfahren steigt damit gerade in einer Phase, in der sich das Insolvenzgeschehen insgesamt nicht beruhigt, sondern nur anders verteilt. Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Umsatz ging um 6 Prozent auf 204 Fälle zurück. Sie liegt damit aber weiterhin deutlich über dem Niveau der Jahre 2022 bis 2024.

Über alle Umsatzklassen hinweg stiegen die Verfahren dagegen weiter. 11.303 beantragte Unternehmensinsolvenzen markieren den höchsten Halbjahresstand seit 2018. Zugleich gingen die angemeldeten Forderungssummen deutlich zurück. Das deutet darauf hin, dass weniger sehr große Unternehmen Insolvenz anmelden mussten. „Der Rückgang bei den Großen erklärt sich vor allem aus der hohen Vergleichsbasis des Rekordjahres 2025“, sagt Eckhardt. „Der Halbjahresstand liegt dennoch auf einem besorgniserregenden Niveau. Die Zahlen zeigen keine Normalisierung, sondern die Pause zwischen zwei Wellen.“

Besonders stark stiegen die Großinsolvenzen in der Transportlogistik. Dort lag das Plus bei 200 Prozent; zugleich weist die Branche die höchste Insolvenzdichte auf. Danach folgen der Einzelhandel mit einem Anstieg von 50 Prozent und der Maschinenbau mit einem Anstieg von 13,6 Prozent. Die meisten Großinsolvenzen entfielen auf Metallwarenhersteller mit 27 Verfahren.

Seitwärtsbewegung mit Schwerpunkten in Logistik, Chemie und Metallwaren
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Eckhardt eine Seitwärtsbewegung der Großinsolvenzen auf rund 450 Fälle. Zu den größten Belastungen für den Mittelstand zählen steigende Energiepreise, hohes Arbeitskostenniveau, drohende Lieferkettenstörungen und die weiterhin konfrontative Handelspolitik der Vereinigten Staaten.
Die höchsten Risiken sieht Eckhardt in der Logistik, der Chemie und der Metallwarenbranche. In diesen Branchen treffen strukturelle Belastungen auf unterdurchschnittliche Rettungsquoten. Der Automobil-Sektor erhält nach dem Rekordjahr 2025 zunächst eine kurze Atempause. Nachhaltig dürfte diese nach Einschätzung der Transformationsberater aber nicht sein. Allein in den vergangenen fünf Jahren stellten mehr als 250 Automobilzulieferer einen Insolvenzantrag. Durch angekündigte Werksschließungen der Hersteller und weitere Volumenreduzierungen könnten die Insolvenzen auch in angrenzenden Branchen ab 2027 wieder zunehmen.